reliqte reloaded. Zum Erbe christlicher Bildwelten heute

Siegfried Anzinger (AT/DE), Anna & Bernhard J. Blume (DE), Julia Bornefeld (IT/DE), Gor Chahal (RU), Christian Eisenberger (AT), Manfred Erjautz (AT), Hermann Glettler (AT), Dorothee Golz (DE/AT), Bertram Hasenauer (AT/DE), Thomas Henke/Joachim Hake (DE), Werner Hofmeister (AT), Edgar Honetschläger (AT), Lena Knilli (AT), Zenita Komad (AT), Nina Kovacheva (FR/BG), Julia Krahn (IT/DE), Muntean/Rosenblum (AT/IS), Alois Neuhold (AT), Adrian Paci (AL/IT), Arnulf Rainer (AT), Werner Reiterer (AT), Keiko Sadakane (DE/JP), Valentin Stefanoff (FR/BG), Claudia Schink (DE), Michael Triegel (DE), Norbert Trummer/Bodo Hell (AT), Tobias Trutwin (DE), Matta Wagnest (AT), Mark Wallinger (GB), Eduard Winklhofer (DE/AT), Markus Wilfling (AT), Maaria Wirkkala (FI), Daniel Amin Zaman (AT)
Die Ausstellung „reliqte, reloaded“ befragt das Erbe christlicher Bildwelten in Kunst des beginnenden XXI. Jahrhunderts. Die Schau, die zum 40. Geburtstag des Kulturzentrums bei den Minoriten stattfindet, ist eine Koproduktion mit dem „steirischen herbst“, der 2015 von Relikten, Spuren, Hinterlassenschaften handelt. „reliqte, reloaded“ hält nach künstlerischen Lösungen in der Gegenwartskunst Ausschau, in denen das Erbe christlicher Bildwelten als inspirierend bearbeitet wird. Es geht um „Reste“ von Bildmotiven, die „wiederaufgeladen“ wurden – als Spiel, als Prozess, als Beweislast, als Funktion, als Nutzen. Jedenfalls gingen eine Entladung, eine Erschlaffung voraus, ein Prozess der Entropie, mitunter auf ein Nullniveau hinab.
Die unterschiedlichen Herangehensweisen entwickeln sich aus der Wahrnehmung einer Wiederkehr von Elementen christlicher Ikonografie am Beginn dieses Jahrtausends. Gezeigt werden mehr Werke bzw. Werkgruppen von drei Dutzend KünstlerInnen: Höchste malerische Meisterschaft und radikale Bildverweigerung stehen in den 90 verschiedenen Arbeiten, die in der Präsentation auf zwei Stockwerken aufgeteilt sind, dicht nebeneinander, von Malerei und Installation bis zu Videokunst und Performance.
Thematisiert wird die Entladung religiöser Ikonografie, aber auch die unbändige Lust sich daran neu abzuarbeiten. Humor und Komik bleiben nicht aus, wenngleich existenzielle Perspektiven dominieren. Aktuelle Fragestellungen, die sich in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise zeigen, müssen gerade in einer derartigen Ausstellung Platz finden: Welche Bilder sind unter der hier vorgestellten Bildersuche angemessen? „Die Armen dieser Welt“ (V. Stefanoff) haben mehrfach das Wort. Nöte, die sich aus einem erzwungenen Neuanfang ergeben, werden wörtlich „aufgetischt“. Vorschläge gegen den „Schattengeist“ dieser Welt werden gebracht, „Anweisungen“ zur Vernetzung sind lesbar. Drohende Bilder aus einer fundamentalistischen Weltsicht auch. Netze zum politischen Handeln werden denkbar.
Darüber legt sich in 20 Ausstellungsräumen der Gundakkord christlicher Bildlichkeit, der in Form von Themenführungen (samstags 11.15 Uhr) in seinen zeitgenössischen Transformationen und Erbgeschichten spektral beleuchtet wird. Bildappell und Bildmacht, Gotteskritik, Figuration, Körper und Verklärung, Abendmahl, Madonna und Kreuz, „letzte Dinge“ und Angesicht: Die Ausstellung endet mit dem Blick und seinem Versprechen auf (letzte) Erkenntnis. Immer wieder tauchen „eschatologische Porträts“ (Th. Macho) auf, die sich auf letzte, existenzielle Fragen beziehen und so die Ikonografien in der Ausstellung in ein spezielles Licht setzen.
Begleitet und fortgeführt wird die Ausstellung in einem dreibändigen Buchmuseum: „Gott hat kein Museum/No Museum Has God. Religion in der Kunst des beginnenden XXI. Jahrhunderts“, das die Themenstellung in zehn imaginären Museumsräumen aufbereitet. Die Idee, ein „virtuelles Museum“ mit dieser Fragestellung zu Fragen der Religion am Beginn des 21. Jahrhunderts zu errichten, nahm ihren Anfang 2010 mit einer Ausstellung, die sich „RELIQTE“ nannte. Damals lautete die Frage: "Wie könnte ein Museum für Gegenwartskunst und Religion aussehen? Eines, das sich nicht der Bestandssicherung verpflichtet weiß, sondern das Ausschau hält nach Bildern, die sich mit der Religion produktiv reiben, sie womöglich auch verändern?" Seither ist eine Sammlung von nahezu 400 Werke entstanden - das KULTUMdepot. Der aktuelle Ausstellungstitel bildet somit auch eine Klammer zum Anfang einer langen inhaltlichen Arbeit, die sich über einen Zeitraum von fünf Jahren erstreckte. Die aktuellen Aufladungen sind teilweise im Buchmuseum enthalten, doch es kamen wiederum viele neue Postionen hinzu: ein Exempel, wie sich ein Museum immer fortschreiben kann.
Zur Ausstellung selbst ist auch das Themenheft 2/2015 des ökumenischen Kunstmagazins „kunst und kirche“ mit zusammenfassenden Essays, KünstlerInneninterviews und -portraits erschienen. Beide Publikationen sind in der Ausstellung erhältlich.
On the Legacy of Christian Image Worlds Today
Koproduktion steirischer herbst & Kulturzentrum bei den Minoriten
Kooperation mit QL-Galerie und AndrÄ Kunst